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Fake Reality
22.10.2017, 02:46
Beitrag #1
Fake Reality
Die Debatte um die „Lügenpresse“ ermüdet manchen Beobachter so langsam. Alle Argumente scheinen ausgetauscht, die Kollegen der schreibenden Zunft bleiben uneinsichtig und sehen sich als Opfer eines bösen Rufmords seitens einer pöbelnden Pegida-Fraktion. Letztlich geht es natürlich nicht um isolierte Irrtümer oder einzelne Lügen hier und da, im Sinne von: „Da hat die Bild-Zeitung mal wieder etwas Falsches behauptet und Spiegel Online schlecht recherchiert“.

Das Problem liegt eine Ebene höher. Von der nun schon 16 Jahre währenden 9/11-Großtäuschung in Cinemascope bis zur omnipräsenten „Russian Hackers“-Legende dieser Tage wird deutlich: nicht bloß „Fake News“ verzerren die Wirklichkeit, sondern eine „Fake Reality“ ersetzt mehr und mehr die Wirklichkeit.

An dieser Stelle knüpft ein in dieser Woche erscheinender Interviewsammelband von Jens Wernicke an. Unter dem Titel „Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung“ sind Interviews des langjährigen NachDenkSeiten-Mitarbeiters versammelt, der heute ein eigenes Portal namens Rubikon betreibt. Zu Wort kommen Insider wie Ulrich Tilgner, der beim ZDF wegen zu kritischer Afghanistan-Berichte in Ungnade fiel, sowie medienkritische Forscher wie Uwe Krüger oder Rainer Mausfeld, deren Gedanken sich kaum so einfach als „hetzerische Pöbelei“ abtun lassen. Insbesondere Tilgners Äußerungen („Erst später erfuhr ich, dass ich im Auswärtigen Amt in Berlin als nicht vertrauenswürdig und damit als nicht zu unterstützender Journalist gewertet wurde“) zeigen sehr klar die Gemengelage aus Regierung und regierungsnahen Medien, in der die „Einheitssuppe“ entsteht, welche das Publikum nun nicht mehr länger löffeln möchte. Nochmals Tilgner:

„Auch das Verhältnis der Redaktionen zu den Reportern und Korrespondenten hat sich geändert, weil die Redaktionen heute eine andere Bedeutung haben. Sie entscheiden, was berichtet und zunehmend auch, wie berichtet wird. (…) die Formierung der Leitmedien ist längst vollzogen, ohne dass Zensur oder Verbot deswegen notwendig geworden wären. (…) So entsteht ein Mosaik der Wirklichkeit, dass diese immer weniger abbildet.“

Und in einem Gastbeitrag schreibt Noam Chomsky: „Die Massenmedien im eigentlichen Sinn haben im Wesentlichen die Funktion, die Leute von Wichtigerem fernzuhalten“. Uwe Krüger betont ähnlichen Sinnes die Rolle der Eliten:

„Wenn es einen Konsens innerhalb der Elite gibt, erfahren Mediennutzer häufig nichts über mögliche Alternativen, und dann wird auch selten die Gültigkeit der Argumente aus dem Eliten-Diskurs hinterfragt. Kritik wird dann allenfalls an taktischen Details geübt, nicht an der großen Strategie. Darüber hinaus findet offensichtlich in Hintergrundkreisen, elitären Vereinen, Think Tanks, exklusiven Konferenzen und anderen Orten vertraulicher Begegnung ein Abgleich der Perspektiven statt. Dieser lässt Journalisten oft zu Politiker-Verstehern werden, die die Fragen des Publikums nicht mehr stellen, die Rücksichten nehmen und sich für das Gelingen einer bestimmten Politik mitverantwortlich fühlen. Eine solche ‚Verantwortungsverschwörung‘, wie ich es zugespitzt nenne, sah man in jüngster Zeit bei Themen wie Ukraine und Russland, Griechenland und Schuldenkrise sowie bei der Flüchtlingskrise: Journalisten im Gleichklang mit der Regierung gemeinsam gegen Putin, Syriza, Pegida, ohne ernsthaft die Perspektiven dieser Herausforderer unseres Establishments zu spiegeln und die Gültigkeit ihrer Argumente zu erörtern.

Interessanterweise gab es in der Bundesrepublik schon einmal einen ‚Konsensjournalismus‘, wie die Historikerin Christina von Hodenberg festgestellt hat – und zwar im ersten Nachkriegsjahrzehnt, als es den Eliten darum ging, den jungen, verwundbaren Staat zu schützen und den prekären inneren Frieden zu erhalten. Erst als das Land stabil genug war, entstand eine kritischere, stärker polarisierte Öffentlichkeit. Wenn jetzt die Meinungsspanne offenbar wieder zusammengeschnurrt ist, hängt das wohl auch mit dem permanenten Krisenzustand zusammen, in dem sich Europa und die westliche Welt befindet.“

Der „verwundbare“ westdeutsche Staat der 1950er Jahre wurde damals vor dem Kommunismus „geschützt“, also einer Ideologie, die mit der Frage des Eigentums die Grundfesten der Macht wanken ließ. Erst als der Antikommunismus im Westen fest etabliert war, wurden die Medien dort etwas liberaler. Heute nun droht kein Kommunismus, allerdings ein noch schwer definierbarer, nebulöser Zerfallsprozess des gesamten Systems. Der von den Leitmedien hochgeschätzte Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen (nicht in Wernickes Buch vertreten) beantwortete jüngst die Frage, warum er für Verschwörungstheorien selbst nicht anfällig sei, mit dem schlichten Satz: „Mein Systemvertrauen ist letztlich größer.“

Eben darum geht es: Die faktenfreie oder faktenverbiegende „Fake Reality“ funktioniert nur mit Systemvertrauen. Wo letzteres sich auflöst, wird erstere lächerlich und durchschaubar wie des Kaisers neue Kleider. Der neue Sammelband ist die passende Lektüre zu dieser Zeit.

Jens Wernicke, „Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung“, Westend Verlag, 368 Seiten, 18 Euro

Quelle: https://paulschreyer.wordpress.com/2017/...e-reality/

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